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Avatar von Dr. Urbich

Meine Mutter war die (dienst-)älteste Glas-Unternehmerin Thüringens. Mit dem Zusammenbruch 1945 hat sie als 20jährige bis zum 92. Lebensjahr durchgearbeitet. Sie hat viele Krisen überstanden. Und zwar deshalb, weil sie klug die Nischen gefunden hat und nicht versuchte, gegen die industrielle Entwicklung anzukämpfen. Sie hat ihr Handwerk verstanden und solche Produkte hergestellt, die die Industrie links liegen ließ.

Wenn die (jungen) Menschen heute überlegen, wohin ihre berufliche Reise geht, sollten sie genauso wie der Alt-Vorderen vorgehen: sich nicht gegen die Entwicklung stellen, nicht den Kopf in den Sand stecken und nicht denken, es trifft einen nicht - sondern überlegen, was kein KI-Agent je können wird. Da fallen mir tatsächlich allerdings nur das bodenständige Handwerk und die Landwirtschaft ein. Die Frage ist halt nur, wer soll das Handwerk bezahlen, wenn der potenzielle Auftraggeber aus der Wertschöpfungskette herausgedrängt wird?

Avatar von Stefan Göbel

Vielen Dank für diesen Beitrag, der mich — wie so viele Ihrer Texte — zum Nachdenken gebracht hat. Er hat mich an ein Zitat von Dirk Baecker erinnert, mit dem ich früher meine Erstsemester im BWL-Bachelor vermutlich etwas strapaziert habe. Es lautet:

“Die Forschung sucht ebenso nach Erkenntnissen, die man noch nicht hat und von denen man noch nicht weiß, ob man sie auf dem eingeschlagenen Weg erreichen kann, wie die Lehre Studierende auf Aufgaben vorbereitet, von denen man nicht weiß, ob sie sich noch stellen, wenn ihr Studium abgeschlossen ist - ganz zu schweigen von der Frage, ob sie sich draußen je so stellen, wie sie drinnen wahrgenommen werden.“

Baecker, D., Forschung, Lehre und Verwaltung, in: Organisation und Störung: Aufsätze, hrsg. von D. Baecker, Frankfurt am Main 2011, S. 193f.

Ich habe diesen Gedanken in meinen Lehrveranstaltungen mantraartig wiederholt und die Studierenden immer wieder darauf hingewiesen, dass ein Studium nur dann wirklich etwas bringt, wenn man lernt, Probleme und Forschungsfragen selbstständig zu bearbeiten. Genau darin liegt ja die Vorbereitung auf zukünftige Aufgaben, die heute noch gar nicht klar erkennbar sind.

Ein weiteres Mantra von mir war: Problemlösen lernt man nicht, indem man sich bloß Lösungen anschaut. Gerade diese Tendenz, nur auf fertige Antworten zu schauen, wird durch KI nun noch bequemer.

Meine Erfahrung war allerdings, dass das Interesse vieler Studierender, sich solche Problemlösekompetenzen tatsächlich anzueignen, eher begrenzt war. In einem Modul, das nach dem Inverted-Classroom-Konzept angelegt war, haben von rund 140 Studierenden gerade einmal etwa 20 aktiv mitgearbeitet. Das lag sicher auch daran, dass die Prüfungsleistung am Ende eine handschriftlich Klausur 😏 war und sich darin echte Problemlösekompetenz nur sehr eingeschränkt überprüfen ließ.

Wenn die Existenz von KI-Systemen in der Lehre nun dazu führt, dass wir uns wieder stärker auf das konzentrieren, was Dirk Baecker hier beschreibt, und wenn es zugleich gelingt, geeignetere Prüfungsformate zu entwickeln, die die Motivation der Studierenden zum Erwerb solcher Kompetenzen erhöht, dann wäre das aus meiner Sicht tatsächlich ein großer Fortschritt für die Hochschulen.

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