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Avatar von Melanie

Vielen Dank für die wieder einmal tollen Denkanstöße! Ihr Newsletter ist für mich persönlich einer der relevantesten für mich im E-Learning Support einer Universität. Ich habe an diversen Stellen meiner KI-Weiterbildungen so ein diffuses Unbehagen, ob das tatsächlich die jetzt wichtigen, nützlichen Tipps sind. Und hier ist mit dem "kritischen Denken" so ein Punkt. Ich werde das in Zukunft mit thematisieren und finde das toll, danke. Denkanstöße sind so wertvoll, selbst wenn man dazu keine fertigen, erprobten Antworten parat hat.

Ich muss auch sehr viel darüber nachdenken, was wir hier für eine schwierige Situation haben. Das Design der KI-Systeme unterstützt nicht deren "gute" Verwendung; im Gegenteil. Die Systeme spucken perfekt klingende Antworten aus und loben uns für die klugen Fragen, auch wenn die Antworten halluziniert und die Fragen nicht gut gestellt waren. Ich bin zunehmend genervt davon, wie viel Aufwand man über Support, Aufklärung, "KI-Literacy" Bildung etc. hat, damit die Systeme nicht so verwendet werden, wie sie es einem suggerieren. Ich fühle mich wie jemand, der verzweifelt versucht den Menschen zu erklären, warum sie den Türöffner-Knopf 2m neben der Tür nehmen müssen und nicht die Klinke betätigen dürfen, die aber der naheliegende Weg ist. Ich mache immer größere Pfeile zum Türöffner-Knopf, schicke Rundmails über empfindliche Türöffner-Mechaniken, entwickle Lernspiele für Knopf-statt-Klinke. Und doch laufen die Menschen natürlich (!) zur Tür, drücken die Klinke und gehen durch. Das ist halt eine Tür. Mit einer Klinke. Die echten Lösungen dafür wären bautechnisch.

Und so sind die KI-Systeme auch: Gestaltet zur falschen Nutzung. Die haben ein Eingabefeld für eine Nachricht. Sie antworten auf fast alles, sehr von sich selbst überzeugt. Die korrekte Verwendung, die tatsächlich hilfreich wäre, passiert nicht by design. Und eigentlich kann man es den Menschen nicht übel nehmen, dass sie die Systeme falsch bzw. nicht optimal benutzen.

Avatar von Leo Tulipan

Der Artikel trifft den Nagel auf den Kopf und die beschriebene „GenAI Wall“ erinnert mich stark an meine eigene Schulzeit – nur dass unser „Wunderwerk“ damals nicht KI hieß, sondern HP48A.

Wir hatten in der Unterstufe diese wahnsinnig tollen Taschenrechner und durften sie laut Lehrplan quasi für alles nutzen. Dann bekamen wir einen neuen Mathelehrer, der eine simple, aber brillante Regel einführte: Bevor wir den Taschenrechner in die Hand nehmen durften, mussten wir überschlagen, wo das Ergebnis ungefähr landen wird. Damals habe ich es vielleicht nicht ganz verstanden, aber heute weiß ich: Er hat uns gezwungen, unsere eigene Kompetenzschwelle zu erhöhen. Er hat uns eine "Intuition", ein Gefühl für die Zahlen antrainiert.

Genau diese fundamentale Intuition scheint heute oft zu fehlen, wie ich bei der Mathe-Nachhilfe meiner Nichte immer wieder feststelle. Da wird selbst für eine Rechnung wie 100 dividiert durch 10 sofort der Taschenrechner gezückt. Vertippt man sich dann (Mal statt Geteilt) und das Display zeigt 1000, wird das Ergebnis oft völlig unhinterfragt hingeschrieben. Es fehlt der Instinkt zu denken: „Warte, kann das Ergebnis überhaupt größer sein als mein Ausgangswert?“. Ohne dieses Grundgefühl nützt das beste Werkzeug nichts – im Gegenteil, es macht blind für offensichtliche Fehler.

Exakt dasselbe Muster sehe ich jetzt im Umgang mit KI. Ich habe kürzlich mit der Tochter einer Freundin geredet, die im Informatikunterricht (HAK) kleine Programme schreiben sollte. Das bestand letztlich nur noch daraus, blind drei oder vier Prompts hintereinander in Claude einzutippen, bis ein funktionierender VBScript-Code für Excel herausfiel. Ein Verständnis dafür, was da eigentlich passiert und warum der Code läuft, war schlicht nicht vorhanden, geschweige den was die Prompts bedeuten.

Was ich damit sagen will: Das Problem der Kompetenzschwelle ist nicht neu, die KI ist in dieser Hinsicht nur der neue Taschenrechner mit Anabolika. Wenn wir über moderne Bildung und E-Learning sprechen, darf es nicht nur darum gehen, wie man Prompts formuliert. Der Fokus muss darauf liegen, wie wir diese grundlegende Intuition für ein Fachgebiet (oder alle?) vermitteln. Wir müssen trainieren, Ergebnisse kritisch einschätzen zu können, bevor die Maschine uns die fertige Antwort liefert. Denn wer kein Gefühl für die Materie hat, glaubt eben auch an den Baum-Oktopus oder den Papst in Daunenjacke oder das 1000 das richtige Ergebnis ist.

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